"Ich hasse und liebe. Weshalb ich das tue, fragst du dich vielleicht?

Ich weiß es nicht. Doch spüre ich, dass es geschieht und werde dadurch gefoltert"

(Catull )

Ist es nicht erstaunlich, wenn ein Mensch in der Lage ist, seine Empfindungen, Eindrücke und Gefühle so gelungen in ein Gedicht einschließen kann, dass selbst noch hunderte von Jahre nach seinem Ableben genau diese Empfindungen der Nachwelt zugänglich sind?

Gedichte berühren mich - euch auch?

Lest hier selbst, ich gebe eine kleine Auswahl meiner Lieblingsgedichte berühmter Dichter:

Mondnacht

(Joseph v. Eichendorff)

Es war, als hätt der Himmel

Die Erde still geküsst,

Dass sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müsst.

 

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

 

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

 

Im Nebel

(H. Hesse)

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Einsam ist jeder Busch und Stein,

Kein Baum sieht den andern,

Jeder ist allein.

 

Voll von Freunden war mir die Welt,

Als noch mein Leben licht war;

Nun, da der Schleier fällt,

Ist keiner mehr sichtbar.

 

Wahrlich, keiner ist weise,

Der nicht das Dunkel kennt,

Das unentrinnbar und leise

Von allen ihn trennt.

 

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Leben ist Einsamsein.

Kein Mensch kennt den andern,

Jeder ist allein.

 

Das Grab im Busento

(August Graf von Platen)

Nächtlich am Busento lispeln bei Consenza dumpfe Lieder,

Aus den Wassern schallt es Antwort und in Wirbeln klingt es wider!

 

Und den Fluß hinauf, hinunter ziehn die Schatten tapfrer Goten,

Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.

 

Allzufrüh und fern der Heimat mussten hier sie in begraben,

Während noch die Jugendlocken seine Schulter blond umgaben.

 

Und am Ufer des Busento reihten sie sich um die Wette,

Um die Strömung abzuleiten, gruben sie ein frisches Bette.

 

In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde,

Senkten tief hinein den Leichnam, mit der Rüstung, auf dem Pferde.

 

Deckten dann mit Erde wieder ihn und seine stolze Habe,

Dass die hohen Stromgewächse wüchsen aus dem Heldengrabe.

 

Abgelenkt zum zweiten Male ward der Fluß herbeigezogen:

Mächtig in ihr altes Bette schäumten die Busentowogen.

 

Und es sang ein Chor von Männern: "Schlaf in deinen Heldenehren!

Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab versehren!"

 

Sangen's und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere,

Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!