"Von guten Mächten treu und stil umgeben..."  

Man kann ja zu Kirche, Glauben und Religion - die übrigens drei Paar Schuhe sind und z.T. vollkommen ohne die anderen existieren können - stehen, wie man will, Dietrich Bonhoeffer verdient jedoch von jedem von uns Bewunderung.

Nicht nur durch seine theologischen Erkenntnisse machte er sich einen Namen, nein, viel mehr nahm er aktiv am Kampf gegen das NS-Regime teil. Er bewies Mut, den die meisten Menschen nicht besaßen oder besitzen konnten. Dass will ich nicht moralisierend verurteilen, sondern im Gegenteil seine Leistung hervorheben.

Als er schon längst inhaftiert war, schrieb er seiner Familie zu Weihnachten 1944 ein Gedicht (besonders als Gruß an seine Mutter zu ihrem 70.Geburtstag und an seine Verlobte Maria von Wedemeyer), das später in vertonter Form Einzug in den Gottesdienst gefunden hat, Einzug in das Herz von Menschen, die einen Anker in schwierigen Situationen suchen, und ihn hier finden:

 

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar, –
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr;
 
noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das Du uns geschaffen hast.
 
Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.
 
Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll′n wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.
 
Laß warm und hell die Kerzen heute flammen
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!
wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.
 
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.
 
Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

 

Zudem schrieb er in seiner Zelle des KZ ein Gedicht mit dem Titel "Wer bin ich?" - Eine Reflexion Bonhoeffers: Er sieht, wie er von anderen wahrgenommen wird (Fremdwahrnehmung), merkt zugleich jedoch, wie sehr sich das von seinem eigenen Bild, das sehr viel verzweifelter ist (Selbstwahrnehmung), unterscheidet. "Wer bin ich (nun)?", fragt Bonhoeffer kurz vor seinem Tode zurecht. Diese einfach formulierte Frage quält uns alle gerne. Wie wenig deckt sich doch oft Fremd- und Selbstwahrnehmung! Welche ist nun aber die "Richtige"? Nun, Bonhoeffer hat uns darauf keine Antwort gegeben - gäbe es denn eine? Sicherlich nicht! - sondern beschließt sein Gedicht mit folgenden, drei Sätzen:

"Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!"

Wahnsinn, in dieser Situation noch eine solche Gottesbejahung, eine Hinwendung zu Gott, selbst oder gerade wegen dieser Aussichtslosigkeit.

Das verleihe Gott uns allen...!